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Apothekerin nimmt das Rezept einer Kundin entgegen (Foto: dpa) Apothekerin nimmt das Rezept einer Kundin entgegen

Storm verleiht kommerzielles „ApothekenSiegel“

Am 23. November wird die Stadtapotheke Saarbrücken mit dem so genannten „Apothekensiegel“ ausgezeichnet. Überreicht wird es von Saar-Gesundheitsminister Storm. Gestestet wurden 59 Saarbrücker Apotheken. An der Aussagekraft des Siegels darf allerdings gezweifelt werden.

(22.11.2012) Das Siegel ist eine Erfindung der Firma Tesalys mit Sitz in Nagold in Baden-Württemberg. Ihr Ziel ist es, Apotheken in ganz Deutschland zu testen und ihnen dabei ihre eigene kostenpflichtige Dienstleistung anzubieten. Nach Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen hat die Firma erstmals auch Apotheken in Saarbrücken getestet. Die Auswertungen von Tesalys haben demnach ergeben, dass 58 Prozent der Apotheken es gar nicht in die Hauptprüfung geschafft hatten, nur acht Prozent erhielten im Vorprüfungsverfahren ein „sehr gut“.

Unbekanntes „ApothekenSiegel“

So weit, so gut. Aber die Qualität des Siegels ist zumindest fraglich. Der Apothekerkammer des Saarlandes ist das Siegel nicht bekannt. Das sagte ein Sprecher SR-Online auf Anfrage. Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Apothekerverbände (ABDA) kennt das Unternehmen nach eigener Aussage nur „vom Hörensagen“. Dafür scheint das Unternehmen sonst über sehr gute Kontakte zu verfügen. Verleihungen werden fast durchweg von Landtags- oder gar Bundestagsabgeordneten vorgenommen wie zum Beispiel letzte Woche Günter Gloser, Bundestagsabgeordneter der SPD aus Nürnberg. Im Saarland überreicht immerhin Gesundheitsminister Andreas Storm das Siegel.

Testkäufer lassen sich beraten

Tesalys erklärt: „Apotheken können sich nicht für das „ApothekenSiegel“ bewerben. Der Kandidatenkreis wird von Tesalys über zwei anonyme und unangekündigte Vortests ermittelt“. In der Praxis sieht das so aus: Zwei Tesalys-Testkäufer lassen sich unabhängig voneinander in einer Apotheke beraten und bewerten im Anschluss diese Leistung. Das sind die so genannten Vortests. Nach von Tesalys festgelegten Prüfkriterien wird die Apotheke bewertet. Wenn sie dabei 80 von 100 Punkten erreicht, gibt sich die Firma zu erkennen und bietet ihre Dienstleistung der Apotheke an. So auch bei Bernd Jänicke von der Apotheke am Zoo in Saarbrücken. Nach den zwei Vortests erhielt er nun auch offiziell Besuch von Tesalys. Auftragsverhandlungen folgten. Jänicke hat die Dienstleistung allerdings abgelehnt. Für ihn ist das Siegel oberflächlich und nicht aussagekräftig: „Ein Qualitätssiegel sollte unabhängig und nicht käuflich zu erwerben sein. Das ist nicht objektiv“.

Nach erfolgreichen Vortests erfolgen die Haupttests

Erteilt die Apotheke Tesalys den Auftrag, finden noch sechs weitere Testkäufe innerhalb der nächsten Wochen statt. Der Testkäufer bleibt zwar anonym, die Apotheken wissen aber, dass sie geprüft werden. Das kostet sie zurzeit rund 3000 Euro. Erreicht dann eine Apotheke insgesamt nach allen Tests weniger als 80 von 100 Punkten, wird das „ApothekenSiegel“ nicht verliehen. Bewertet werden die Beratung der Kunden, aber auch Kriterien wie Barrierefreiheit und Diskretionszone. Nach Angaben von Tesalys setzen sich die Prüfteams zusammen aus Apothekern, pharmazeutisch-technische Assistentinnen und Pharmazieingenieuren.

Keine Zusammenarbeit mit der Bundesapothekerkammer

Die Firma gibt an, sich bei ihren Tests an den Qualitätsleitlinien der Bundesapothekerkammer zu orientieren. Eine offizielle Zusammenarbeit gibt es nach unseren Recherchen jedoch nicht. Eine Sprecherin der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA) sagte SR-Online: „Wir können die Kriterien der privatwirtschaftlichen Firma Tesalys nicht beurteilen, weil sie ihre Auswertungen nicht veröffentlichen. Wir stehen auch nicht in Kontakt mit der Firma“.

Michael Hofheinz, Vorstandsmitglied der baden-württembergischen Apothekerkammer wird da deutlicher. Gegenüber der Badischen Zeitung sagte er, die Prüfung sei zwar seriös, aber der Preis erheblich. Es sei zudem nicht ganz klar, ob es nicht noch andere Geldgeber und Interessen hinter dem Vorhaben gebe. Die Datensammelwut im Gesundheitswesen sei generell groß.

Marketing spielt bei Tesalys eine große Rolle

Der Gründer der Firma, Prof. Thomas Gerlach ist Professor für Design und bezeichnet sich selbst als Spezialist für Kommunikations- und Markenstrategien. Er erklärt seine Motivation so: „Wir haben die verunsicherte Seelenlage der Apotheker erkannt und das hat uns motiviert“. Mit dem „ApothekenSiegel“ will er die „Leuchttürme der Branche sichtbar machen.“ Marketing ist dabei ein wichtiger Teil der Dienstleistung. Das Unternehmen bietet Stelen, Folien, Aufkleber, Tafeln und Schilder an, um das Siegel sichtbar zu platzieren.

Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände bietet Hilfe zur Selbsthilfe

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände bietet übrigens selbst Qualitätssicherung an.  Hier wissen die Apotheken jedoch nicht, dass sie getestet werden. Sie erhalten dafür keine Auszeichnung, lediglich ein Zertifikat über die Teilnahme und Fortbildungspunkte. Im Gegensatz zu Testkäufen geht es hier nicht um Vergleiche, Auszeichnungen oder Beurteilungen, sondern um „Hilfe zur Selbsthilfe“ für Apotheken.

(red)

Letzte Aktualisierung: 23.11.2012 - 14:50:39 Uhr (CET)
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