
Beim Thema Pflege prallen die Meinungen derzeit aufeinander. Mit Blick auf den dramatisch steigenden Bedarf an Pflegekräften plädieren die einen für eine verkürzte Ausbildung. Die anderen befürchten einen nicht zu tolerierenden Qualitätsverlust. Bei einem Kongress in Saarbrücken wollen Experten das Thema angehen.
(Thu Nov 22 17:19:00 CET 2012) In Deutschland könnten bis zum Jahr 2030 eine halbe Million Pflegekräfte fehlen. Das belegt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Für das Saarland wird ein Defizit von rund 5000 Fachkräften im Pflegebereich prognostiziert. 2030 wird es danach rund 34 Prozent mehr Pflegebedürftige geben als heute. Vor allem bei der ambulanten Pflege werde der Bedarf in den kommenden 18 Jahren deutlich anziehen.
Mit einem Pflegekongress in Saarbrücken will Sozialminister Andreas Storm (CDU) alle am Thema Pflege beteiligten Einrichtungen und Experten an einen Tisch bringen. Nach Ministeriumsangaben werden knapp 300 Teilnehmer erwartet. Im Mittelpunkt des Treffens stehen zum einen die Ergebnisse von sechs Arbeitsgruppen, die nach dem AWO-Pflegeskandal in Elversberg ins Leben gerufen worden waren. Zum anderen soll es um Schlussfolgerungen aus dem Landesseniorenbericht gehen, demzufolge die Zahl der Pflegebedürftigen im Saarland bis zum Jahr 2030 um etwas mehr als ein Drittel auf dann voraussichtlich rund 40.000 steigen wird - 2009 waren es noch 30.00. Wie das Problem zu lösen ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.
Nach Ansicht der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Saar-Grünen, Simone Peter, müsse es angesichts der hohen Arbeitsbelastungeine eine angemessene Entlohnung für Plegekräfte geben. Dies könnte über eine „solidarische Pflege-Bürgerversicherung“ geschehen. Außerdem, so die Grünen, sollten Pflegeberufe wegen des drohenden Fachkräftemangels aufgewertet werden. Dazu gehöre eine Aus- und Weiterbildungsoffensive mit einheitlichen Anerkennungsverfahren.
Die Linken im Saarland fordern die Landesregierung auf, die Finanzierung des dritten Ausbildungsjahres zum examinierten Altenpfleger zu gewährleisten damit die Umschulungen ab 2013 zügig beginnen können. Es reiche nicht aus, durch die Ausbildungsplatzumlage die Zahl der Auszubildenden im Pflegebereich zu erhöhen. Die Bundesanstalt für Arbeit (BA) schlägt hingegen eine Verkürzung der Altenpflege-Ausbildung vor. Für Arbeitslose mit Vorkenntnissen sollten zwei statt drei Jahre Ausbildung genügen. Dagegen spricht sich die saarländische Pflegegesellschaft (SPG) aus. „Die Anforderungen an die Pflegekräfte sind in den vergangenen Jahren ständig gestiegen“, so der SPG-Vorstandsvorsitzende Harald Kilian. Deshalb müssten die zehn Jahre alten Strukturen der Altenpflegerausbildung weiterentwickelt werden. Eine Verkürzung der Ausbildung wäre ein Schritt in die völlig falsche Richtung.
Die Vorschläge des saarländischen Sozialministers Andreas Storm, fehlende Kapazitäten mit Ehrenamtlichen zu besetzen, bezeichnete die Linksfraktion im Landtag als „ungeheulerlich“. Die gesundheitspolitische Sprecherin Andrea Schramm sagte, es müssten mehr Fachkräfte ausgebildet und durch eine attraktivere Bezahlung für den Beruf gewonnen werden. Es könne nicht sein, dass Ehrenamtliche herhalten müssten und mit einem „Appel und Ei“ abgespeist würden.
Der designierte saarländische Pflegebeauftragte Nikolaus Schorr spricht sich für eine qualifizierte Ausbildung der Pflegekräfte aus. Seiner Meinung nach sollte diese Ausbildung drei Jahre dauern. Der Umgang mit pflegebedürftigen Menschen sei „eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit“, bei der die Pflegekräfte heute zum Teil Aufgaben übernehmen müssten, die früher Ärzten vorbehalten gewesen seien, so Schorr im Interview mit der Nachrichtenagentur dapd. Das könne man den Leuten „nicht in einem Schnellkurs vermitteln“.