
Markus Gross sorgt in Hollywood für reichlich Wirbel. Im wahrsten Sinne des Wortes: Durch die von ihm entwickelte Software werden Explosionen, Rauch- und Wassereffekte in Blockbustern realistischer und schneller umgesetzt. Im SR-online Interview erzählt der Saarländer, wie er es nach Hollywood geschafft hat und warum er das Saarland vermisst.
(24.02.2013) Heute findet in Los Angeles die Oscar-Verleihung statt. Im Vorfeld sind vor zwei Wochen auf einer Gala in Beverly Hills bereits die Tech-Oscars vergeben worden. Dabei hat Markus Gross, Professor für Computertechnik an der ETH Zürich, den Technical Achievement Award erhalten. Gross und drei weitere Wissenschaftler wurden für die spezielle Software „Wavelet Turbulence“ ausgezeichnet. Sie findet in großen Hollywood-Produktionen Anwendung.
SR-online: Herr Gross, für was genau haben Sie den Tech-Oscar erhalten?
Markus Gross: Diese spezielle Technologie ermöglicht, Rauch und Explosionen sehr wirklichkeitsnah und visuell überzeugend darzustellen, ohne dass man dafür die Rechenleistung braucht, die bisher nötig war. Wenn man eine Explosion modelliert, sind vor allem die vielen kleinen Verwirbelungen und die Turbulenzen visuell wichtig, sie machen die Explosion lebendig. Aber diese kosten viel Rechenzeit, weil man viele komplizierte mathematische Gleichungen lösen muss. Diese Rechenzeit kostet Geld. Wir haben eine Methode gefunden, Verwirbelungen in Simulationen einzufügen, ohne dass man viel rechnen muss. Das macht den Produktionsprozess wesentlich preisgünstiger. Viele Effektstudios haben diese Technologie deswegen sofort übernommen. Sie wurde schon in über 30 Filmen wie „Avatar“ oder „Transformers“ eingesetzt.
Wie lange haben Sie für die Entwicklung dieser Software gebraucht?
Das Ganze ist Teil eines langjährigen Forschungsprogramms zur physikalisch basierten Animation von Strömen und Flüssen. Die eigentliche Entwicklung dauerte gar nicht so lange, ungefähr ein halbes Jahr. Wir waren ein Team von vier Leuten, zwei von der ETH Zürich und zwei Kollegen von der Cornell University aus den USA.
Wann genau war die Software fertig?
Die Software hatten wir vor etwa vier Jahren abgeschlossen. Die Ergebnisse haben wir dann auf der größten und wichtigsten Fachkonferenz unseres Forschungsgebietes publiziert. Dort hat sie gleich sehr viel Beachtung gefunden und nach der Konferenz kamen einige Effektstudios auf uns zu. Wir haben die Software auch nicht patentiert, sondern der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Wir haben die Codes zudem online gestellt, so konnte sich jeder bedienen und sie nutzen.
Aus welchen Gründen haben sie ihre Software nicht patentieren lassen?
Es war eine bewusste Entscheidung. Aus akademischer Sicht möchte man Wissen der Allgemeinheit bereitstellen. Dadurch erleichtert sich auch der Weg in die Anwendung. Die Hemmschwelle, die Entwicklungen kommerziell zu nutzen, wird somit herabgesetzt.
Wenn man hingegen patentiert, kann das leicht dazu führen, dass eine solche Hemmschwelle entsteht. Wir wollten aber, dass sich die Technologie sehr schnell verbreitet und dies hat auch funktioniert.
Wird denn in Filmen überhaupt noch etwas „in echt“ in die Luft gesprengt? Oder ist der Großteil mittlerweile animiert?
Generell ist es so, dass der Trend bei den Spezialeffekten hin zu computeranimierten Effekten geht. Heutzutage sind ein großer Teil der Explosionen oder auch alle möglichen Wasserphänomene wie Wellen, mithilfe des Computers gemacht. In bestimmten Situationen benutzt man noch echte Experimente und baut beispielsweise Wassertanks auf und lässt das Wasser herausfließen.
In wie vielen Fällen ist es noch echt?
Das ist sehr schwer zu sagen, es variiert von Film zu Film. Meiner persönlichen Einschätzung nach ist ein großer Teil, ungefähr 60-80 Prozent, computeranimiert.
Schauen Sie sich eigentlich die Filme an, in denen ihre Software verwendet wird?
Ich bemühe mich und gehe viel ins Kino. Ich schaue mir sehr gerne effektgeladene Filme an, mir geht es generell um die Spezialeffekte. Manchmal ist es allerdings schwierig herauszubekommen, in welcher Produktion die Technologie eingesetzt wurde.
Sie wissen also gar nicht genau, in welchem Film mit ihrer Software gearbeitet wurde?
Wir bekommen das typischerweise indirekt mit. Die Effektstudios haben unsere Software übernommen und in ihren eigenen Arbeitsprozess integriert. Normal ist es so, dass ein Effektstudio über aktuelle Produktionen nicht spricht und alles geheim hält. Indirekt erfahren wir es, weil es oft Anfragen und technische Fragen zu der Technologie gibt. Wenn die Filme rauskommen, wird es uns meistens direkt oder indirekt mitgeteilt.
Wenn ein Filmstudio die Software verwendet, verdienen Sie dann etwas daran?
Nein, wir verdienen daran nichts. Wir haben mit dieser Technologie bisher keinen einzigen Pfennig verdient. Das war aber auch nicht unsere Absicht. Dafür bekommen wir aber sehr viel Achtung und so genannte „Recognition“ von den Effektstudios und somit auch von Hollywood.